Lernen am Modell oder die Vorbildrolle der Eltern

24. Mai 2019
Kinder machen, was sie sehen, nicht was man von ihnen verbal verlangt. Entdecke in diesem Beitrag mehr über die Technik des Modellierens, um deine Kinder positiv in ihrem Verhalten zu beeinflussen. 

Lernen am Modell ist eine Technik, die von Albert Bandura eingeführt wurde, um den kognitiven Lernprozess zu fördern. Es geht bei dieser Methode darum, das Verhalten anderer zu beobachten, um daraus die eigenen Konsequenzen zu ziehen und das vorgelebte Modell nachzuahmen.

Dieser Lernprozess durch Beobachten, der auch als Modellieren, Beobachtungslernen, Nachahmungs- oder Imitationslernen oder stellvertretendes Lernen bezeichnet wird, beruht also auf dem Erwerb von Verhaltensmustern durch ein Vorbild oder Modell.

Es geht jedoch nicht nur um einen natürlichen Lernprozess, sondern auch um eine therapeutische Technik, mit der Verhaltensmuster verändert werden können.

Das Modellieren des Verhaltens durch Vorbilder hat verschiedene Funktionen:

  • Dadurch kann der Erwerb neuer Verhaltensmuster, die sich noch nicht im Repertoire einer Person befinden, erleichtert werden. Diese Technik hat sich beispielsweise als sehr effektiv erwiesen, wenn es darum geht Sozialverhalten zu entwickeln.
  • Man kann damit auch aus Angst oder Nervosität blockierte Verhaltensweisen verändern, die beispielsweise durch Phobien entstehen. Diese wurden erfolgreich therapiert, nachdem der Patient mit der gefürchteten Situation konfrontiert wurde, ohne jedoch negative Konsequenzen zu experimentieren.
  • Auch die Inhibition unerwünschter Verhaltensweisen ist mit dieser Technik einfacher. Wenn jemand zum Beispiel Bilder mit den Folgen eines unerwünschten Verhaltens sieht, kann sich diese Person darüber bewusst werden und damit ihr eigenes Verhalten modellieren.
Lernen am Modell: Vater und Söhne

Hast du diesen Artikel schon gelesen? Vorbildfunktion der Eltern: Kinder ahmen ihr Verhalten nach

Faktoren die beim Lernen am Modell wichtig sind

  • Die Eigenschaften des Modells: Die Technik ist effektiver, wenn das Modell den eigenen physischen und persönlichen Eigenschaften ähnlicher ist. Außerdem haben wir die Tendenz, jene Menschen nachzuahmen, die wir als hoch angesehen betrachten oder einen besonderen Einfluss auf uns ausüben. Die wichtigsten Modelle oder Vorbilder von Kindern sind ihre Eltern, ihre Lehrer und ihre älteren Geschwister.
  • Die Eigenschaften des Betroffenen: Insbesondere wenn ein sensorisches Problem (zum Beispiel Blindheit) vorliegt, oder wenn der Angstzustand sehr intensiv ist, fällt das Modellieren des Betroffenen schwer.
  • Auch die Situation spielt eine wichtige Rolle: Es muss ausreichend Interesse des Betroffenen vorhanden sein, damit er seinem Modell Aufmerksamkeit schenkt. In unsicheren, unbekannten oder schwierigen Situationen ist die Nachahmung eines Vorbilds wahrscheinlicher.

Arten des Modellierens

  • Aktiv oder passiv: Aktives Modellieren erfolgt, indem jemand nach Beobachtung bestimmte Verhaltensmuster nachahmt. Ein passives Modell beeinflusst das Verhalten nur auf kognitiver Ebene, dieses wird jedoch nicht ausgeführt.
  • Partizipatives oder nicht partizipatives Modellieren: Je nachdem ob der Beobachter mit dem Modell interagiert oder nicht, wird die Technik als partizipativ oder nicht partizipativ bezeichnet. So findet beispielsweise in der Therapie mit einem Logopäden ein Austausch statt, während der Betroffene in anderen Situationen nur Beobachter bleibt.
  • Zielverhalten oder schrittweise Modellierung: Abhängig von der Schwierigkeit kann das Zielverhalten direkt modelliert, oder durch verschiedene einfachere Zwischenschritte erreicht werden.
  • Positives, negatives oder gemischtes Modellieren: Ein positives Vorbild zeigt das richtige Sozialverhalten. Das negative Modell beruht auf einem disruptiven Verhalten und das gemischte zeigt beide Arten.
  • Individuelles oder Gruppenmodellieren: Wenn ein einziger Beobachter vorhanden ist, erfolgt das Modellieren individuell. Doch es kann auch mit mehreren Betroffenen gleichzeitig, also in einer Gruppe stattfinden.
Mutter als Modell und Vorbild

Wir haben noch einen interessanten Artikel für dich: Nicht immer verhalten wir uns unseren Kindern gegenüber richtig

Es gibt noch mehr Arten des Modellierens

  • Einfaches oder mehrfaches Modellieren: Dabei geht es um die Anzahl an Vorbildern, die das Verhalten des Betroffenen modellieren sollen. Das mehrfache Modellieren ist effektiver, denn der Beobachter hat verschiedene positive Verhaltensweisen zur Auswahl, um sich zu verändern.
  • Selbstmodellierung: In diesem Fall ist Modell und Beobachter dieselbe Person. Diese Technik ist beispielsweise bei selektivem Mutismus (wahlweise Sprachverweigerung) sehr erfolgreich. Dabei verwendet man in der Therapie ein symbolisches Selbstmodell. So hat die betroffene Person die Möglichkeit, sich selbst anhand von Videomontagen zu beobachten.
  • Direktes, symbolisches oder verstecktes Modellieren: Je nach Art, wie das Modell präsentiert wird, handelt es sich um eine direkte Beeinflussung (das Modell ist präsent), um ein symbolisches Vorbild (das Modell ist indirekt zum Beispiel auf einem Video zu sehen), oder um ein verstecktes Modell (das Verhalten wird durch die Vorstellung eines Modells verändert).
  • Domäne (Meisterschaft) oder Kopieren: Hier geht es um den Kopetenzgrad des Modells. Ein Meister ist von Anfang an ein Vorbild ohne Fehler, während ein anderes Modell zuerst selbst seine Handlungen allmählich verbessern muss. Letzteres Modell ist effizienter, da sich der Beobachter damit besser identifizieren kann.