Emotional verlassen: der Brief einer Tochter an ihren Vater

· 3. Juni 2018
Leider ist Schmerz in unserer Gesellschaft Teil der Realität. Es gibt viele Familien, die aus verschiedensten Gründen zerbrechen. Einer der schlimmsten Fälle ist jedoch, wenn ein Familienmitglied emotional verlassen wird.

Heute teilen wir hier auf Ich bin Mutter den Brief einer Tochter an ihren Vater. Dabei werden wir feststellen, dass es für ein Kind, das sich emotional verlassen fühlt schwieriger sein kann, als wenn es tatsächlich verlassen wird.

Wenn Kinder emotional verlassen werden

Es ist schwierig für Kinder, wenn Eltern sich trennen oder scheiden lassen. Für sie ist es hart zu akzeptieren und auch zu verstehen, warum das passiert. Die Gefühle, die in dieser Situation bei Kindern aufkommen, sind nur schwer auszudrücken. Eines ist jedoch sicher: es sind sehr intensive Gefühle.

Wenn ein Kind emotional im Stich gelassen wird, dann hat das Folgen. Eine Identitätskrise oder ein allzu geringes Selbstwertgefühl können daraus resultieren. Diese Kinder haben dann Probleme im normalen Umgang mit anderen. Sie entwickeln tiefe Unsicherheiten und denken oftmals, dass sie nie gut genug für irgendjemanden sein werden.

Es kann sein, dass Kinder denken, sie haben etwas falsch gemacht und dass das der Grund ist, warum ein Elternteil geht.

Für ein Kind ist es unheimlich schwer zu akzeptieren, dass ein Elternteil eine andere Familie vorzieht und sich entschieden hat niemals zu seiner ursprünglichen zurück zu kehren. Für Kinder ist der Weg zur Akzeptanz der neuen Situation so schwierig, dass sie dabei unbedingt Stabilität und Liebe brauchen. Sie brauchen eine emotionale Zuflucht. 

Wenn Kinder emotional verlassen werden oder sich verlassen fühlen, dann ist das sehr schmerzhaft. Im Folgenden wirst du den Brief eines kleinen Mädchens an seinen Vater lesen, der es verlassen hat.

Man sagt, wir wissen nicht, wie stark wir sind, bis zu dem Moment in dem wir keine andere Option haben außer stark zu sein. Dieses kleine Mädchen hat sich dazu entschieden stark zu sein und seine Wunden mit diesem wunderbaren Brief ein für allemal zu schließen.

Brief eines kleinen Mädchens an seinen Vater

Papa, ich möchte, dass du weißt, dass ich die ganze Zeit an dich denke. 

Jeden Tag frage ich mich, was passiert wäre, wenn du nicht gegangen wärst, doch ich denke, dass es so besser ist.

Ich habe meine Leidenschaft gefunden: die Kunst. Wenn du bei mir wärst, dann würde ich dich bitten mit mir ins Museum zu gehen. Ich würde dich fragen, ob wir in eine Fotografie-Ausstellung gehen, in eine Galerie. Wir könnten zusammen ins Theater gehen, in ein Konzert oder zu einer Lesung. Es wäre sicher toll.

Die Kunst hat mich viele Dinge entdecken lassen. Ich beobachte Menschen und kann meiner Fantasie freien Lauf lassen. Heute ist das Einzige, was ich mir gerne vorstellen würde, dein Lächeln.

Was wäre wenn…

Ich frage mich wie deine Augen wohl aussehen, wenn du traurig bist oder wie deine Stirn sich in Falten legt wenn du wütend bist. Ich würde viele Bilder von dir machen, denn mittlerweile habe ich die Kamera, die ich immer wollte, nach der ich so oft gefragt habe.

Manchmal träume ich davon, wie wir Arm in Arm die Straße hinab gehen und ich meinen Kopf an deiner Schulter anlehnen kann. Die Frage, wie es gewesen wäre, wenn du mir einmal gesagt hättest „Wie schön du bist“, bleibt für immer unbeantwortet. Schade, dass es dazu nie gekommen ist.

Es ist alles in Ordnung, Papa. Ich verstehe, dass du viel um die Ohren hast.

Du bist gegangen. Aber ich weiß dass es weder mein Fehler noch der meiner Mutter war. Ich wollte immer so stark sein wie sie, aber ich kann nicht. Trotz allem was geschehen ist, vermisse ich dich so sehr. 

Ich erinnere mich noch immer an den Tag an dem du gegangen bist. Damals hätte ich gerne gewusst, dass ich dich nie wieder sehen würde. Dann hätte ich dich fest umarmt und dir gesagt, dass ich dich immer lieben werde.

Emotional verlassen…

Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt Papa? Wenn du das getan hättest, dann wäre heute alles einfacher.

Ich wünschte, du hättest dich für uns entschieden, denn ich habe dich gebraucht. Jeden Morgen hätte ich ermutigende Worte von dir hören müssen, deinen Rat und vor allem immer und immer wieder hätte ich von dir hören müssen, dass kein Mann mich jemals schlecht behandeln darf, denn ich bin wertvoll.

Heute bin ich mir all dessen bewusst, aber es wäre einfacher gewesen es von dir zu hören.

Ich beschuldige dich nicht. Ich gebe dir nicht die Schuld für meine Unsicherheiten, für die schreckliche Angst vor dem Verlassenwerden, für die Leere. Viele Male dachte ich, dass meine Schwächen größer sind als meine Stärken. All das ist in meinem Kopf und ich muss lernen damit umzugehen.

Nachdem du mich emotional verlassen hast, habe ich viele Male versucht, die tiefe Leere, die ich spüre zu füllen. Auch mit Mitteln, auf die ich nicht stolz bin.

Meine Beziehungen waren oftmals katastrophal, denn immer war da meine Angst, dass ich verlassen werden würde. Manchmal habe ich geweint bei dem Gedanken, dass ich niemals heiraten würden und das hat mich zu einem Feigling in Sachen Liebe werden lassen.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht so leiden möchte, wie Mama mit dir gelitten hat.

Für was ist das Ehegelübde gut, wenn man sich nicht daran hält?

emotional verlassen

Mama und ich… emotional verlassen

Doch Mama und ich habe das ganz gut hingekriegt und ich bewundere sie sehr. Sie ist immer für mich da. Durch Mama habe ich gelernt, dass egal, wie schwer das Leben ist, es immer besser mit einem Lächeln gemeistert werden kann. Sie ist eine echte Frau.

Wenn ich mir Mama anschaue, dann fällt es mir sehr schwer zu verstehen, wieso du gegangen bist. Manchmal denke ich du hattest Angst. Du hattest Angst vor deiner Stärke und deinem Willen weiter zu gehen. Wenn du dich einmal überfordert gefühlt hast, dann bist du einfach weg gerannt. Doch ich will nicht urteilen. 

Wenn ich noch einmal entscheiden müsste, bei wem ich bleibe, würde ich immer Mama wählen. Ich weiß aber auch, dass du dich noch einmal für die andere Familie entscheiden würdest. 

Mit ganzem Herzen hoffe ich, dass du für deine jetzige Frau und deine Kinder sein kannst, was du für uns nicht warst: ein Vater und ein treuer Begleiter. Trockenen Auges verabschiede ich mich, denn heute sind Tränen nicht mehr notwendig.

Ich weiß dass ich gesagt habe ich würde dich immer lieben, doch ich bin überzeugt, dass das Einzige, was ich liebe die Idee von der Person ist, die du hättest sein können. Das Einzige wofür ich dir danken muss ist mein Leben, denn das war dein größtes Geschenk an mich. Ich hoffe sehr, dass es dir gut geht und ich schicke dir eine Umarmung und einen Abschiedskuss, wo auch immer du bist.

Heute bin ich geheilt.