Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Gibt es diese Erkrankung wirklich?

10. Januar 2020
Aufgrund der jüngsten Veröffentlichungen über die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) stellen sich viele Eltern die Frage, ob bei ihrem Kind möglicherweise eine falsche Diagnose gestellt wurde. Wird ADHS heute viel zu häufig diagnostiziert?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung mit oder ohne Hyperaktivität (ADHS) gehört zu den Störungen, über die sehr kontrovers diskutiert wird. Daher ist sie eine der umstrittensten Erkrankungen der heutigen Zeit. Angesichts der Heterogenität der auftretenden Symptome wird sie von vielen Menschen lediglich als Standarddiagnose für problematische Kinder angesehen.

Darüber hinaus fehlen einheitliche wissenschaftliche Kriterien und es existiert kein spezifischer diagnostischer Test, der eine klare und eindeutige Diagnose ermöglichen würde. Da weder Ursprung noch Ursache der Erkrankung abschließend geklärt sind, garantiert die aktuelle medikamentöse Behandlung keine nachhaltige Lösung der Problematik.

Die medikamentöse Behandlung, die in der Regel mit Amphetaminen oder Stimulanzien wie Ritalin erfolgt, bewirkt letztendlich nur eine vorübergehende Linderung der Symptome. Daher stellen sich heute viele Menschen die Frage: Ist die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) tatsächlich eine Erkrankung?

Die historische Entwicklung der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung: Von der Realität zum Mythos

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und Hyperaktivität

Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Studien über diese Störung durchgeführt. Damals versuchten verschiedene Wissenschaftler, die Symptome und die Erkrankung zu beschreiben und zu klassifizieren.

Dazu beobachteten sie Kinder, die unter Konzentrationsschwierigkeiten litten, unruhig, reizbar und impulsiv waren. Die Wissenschaftler bezeichneten diesen Zustand als minimale Hirnfunktionsstörung oder Postenzephalose-Verhaltensstörung, obwohl die Kinder nie eine Hirnschädigung erlitten hatten.

Wann wurde die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) erstmals im DSM aufgeführt?

Im Jahr 1968 wurde die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung erstmals im Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM) aufgeführt. Allerdings gab es damals eine andere Bezeichnung für diese Erkrankung.

Leon Eisenberg, ein amerikanischer Arzt und Experte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sorgte dafür, dass die hyperkinetische Kindererkrankung im DSM erfasst wurde. Er konnte die wissenschaftliche Fachwelt davon überzeugen, dass die beschriebenen Symptome eine genetische Ursache hatten.

Aufmerksamkeitsdefizit - Hyperaktivität

Allerdings widerlegte er diese Behauptung viele Jahre später in einem Interview, das er dem deutschen Magazin Der Spiegel im Jahr 2009 gab. Außerdem wies er darauf hin, dass diese Störung übermäßig häufig diagnostiziert wurde, da die Zahl der festgestellten Fälle kontinuierlich angestiegen war.

Veränderungen bei der Kategorisierung der Erkrankung

In den 1980er Jahren wurde die Erkrankung im DSM-II als Aufmerksamkeitsdefizit-Störung mit oder ohne Hyperaktivität bezeichnet. Erst in den 1990er Jahren wurden die drei heute üblichen Unterkategorien der Störung definiert: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität-Impulsivität und Kombination der beiden Typen.

Während ADHS fast ein Jahrhundert erforscht und beschrieben wurde, veränderte sich das Konzept dieser Störung mehrfach. Dabei gingen die Entwicklungen teilweise auch in unterschiedliche Richtungen. Die Hyperaktivität und die damit verbundenen Symptome wurden nicht immer mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung in Zusammenhang gebracht.

Daher ist ADHS ein Konzept, das verschiedene psychische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen umfasst. Aus diesem Grund kann nur ein Experte mit fundiertem Fachwissen eine korrekte Diagnose stellen.

Wissenschaftlicher Nachweis der Existenz der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Professor Marino Pérez Álvarez, Spezialist für Psychotherapie und Interventionstechniken an der Universität von Oviedo (Spanien), ist Co-Autor eines interessanten Buches zu diesem Thema. Der Titel des Buches lautet Volviendo a la Normalidad: la invención del TDAH y del Trastorno bipolar infantil oder auf Deutsch „Zurück zur Normalität: Die Erfindung von ADHS und kindlicher bipolarer Erkrankung“.

In diesem Buch liefert er viele wissenschaftliche Referenzen und Beweise, die die Existenz der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung widerlegen. Ein Teil dieser Beweisführung beruht darauf, dass im Gehirn keine Biomarker vorhanden sind, die die Existenz dieser Erkrankung belegen.

Darüber hinaus erwähnt der Autor auch eine Aussage, die Eisenberg, der „Vater“ von ADHS, kurz vor seinem Tod gemacht hat. In einem Interview wies Eisenberg selbst auf das Problem der Pathologisierung und übermäßigen Diagnose kindlicher Verhaltensweisen hin. Daher kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Kombination der Symptome, die bei ADHS auftreten, weniger ein klinisches Profil darstellen, sondern vielmehr Verhaltensprobleme sind.

Außerdem macht Marino Pérez Álvarez auf eine unbestreitbare Tatsache aufmerksam. Die Pharmakonzerne haben ein sehr profitables Geschäftsmodell um die Bedürfnisse der betroffenen Familien aufgebaut. Denn alleine im Jahr 2017 generierte der größte Hersteller für ADHS-Medikamente einen Umsatz von ungefähr 1,2 Milliarden US-Dollar.

Gibt es ADHS wirklich?

Aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Informationen ist es unmöglich, diese Frage eindeutig zu beantworten. Dennoch sollten wir als Eltern die Existenz von ADHS zumindest hinterfragen. Alleine in den Vereinigten Staaten von Amerika sind schätzungsweise 6,4 Millionen Kinder im Alter zwischen 4 und 17 Jahren betroffen, Tendenz steigend.

Aufmerksamkeitsdefizit - Kind mit ADHS

Der ADHS-Weltverband definiert die Erkrankung folgendermaßen: „ADHS ist eine hochgradig vererbbare psychische Erkrankung, die bereits im Kindesalter auftritt und durch nicht-altersgemäße Ausprägung der Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist.“

Darüber hinaus sagt dieser Verband, dass „neuere wissenschaftliche Studien über ADHS biologische Grundlagen wie multiple genetische Faktoren, ADHS-bezogene Unterschiede in der Struktur und Funktionsweise des Gehirns und Veränderungen der Neurotransmitter-Komponenten… aufgezeigt haben“.

Möglicherweise benötigt die wissenschaftliche Gemeinschaft mehr Zeit, um den endgültigen Beweis dafür zu erbringen, ob ADHS eine Erkrankung ist oder nicht. Vielleicht haben wir einfach nicht genügend Geduld. Der Rhythmus unseres Lebens ist stressig. Die Schwierigkeiten, die wir haben, unser Arbeits- und Privatleben miteinander zu vereinbaren, nehmen kontinuierlich zu.

Daher haben wir auch immer weniger Zeit zur Verfügung, uns mit unseren Kindern zu beschäftigen. Wenn du aber das Gefühl hast, dass dein Kind irgendwelche Schwierigkeiten oder Probleme hat, solltest du nicht zögern und umgehend einen vertrauenswürdigen Fachmann aufsuchen.

  • Guerrero Tomás, Rafael. (2016). Trastorno por Déficit de Atención: entre la patología y la normalidad. Barcelona: Timun mas.
  • Pérez Álvarez, Mariano. (2014). Volviendo a la normalidad: la invención del TDAH y el trastorno bipolar infantil. Alianza Editorial.